Die Lizum ist tot. Es lebe die Lizum.

Momentaufnahme 15. Juli 2015
Ein wunderbarer, sehr warmer, fast wolkenloser und gewitterfreier Bergsommertag in der Lizum im Wattental, dem für viele Tiroler eher unbekannten "Stück Natur".

Nein,die Lizum ist nicht ganz tot. Immerhin bewegen sich gerade 150 Kühe vom Talgrund der Wilden Lizum zurück in ihre Heimatställe;

- bewegen sich elf BH-Soldaten von ihrer mühsamen Blindgängersuche nach Geschossen, die überwiegend Nato-Soldaten aus Deutschland und Holland verschossen haben, aus dem Gelände zurück in ihre Kaserne;

- immerhin kommen gerade ein Jung- und ein Altsenner zur Hütte herauf, um zu essen;

- bewegen sich vier deutsche Fernwanderer völlig durchgeschwitzt, von der Wattenberger Talstraße herauf zur Lizumerhütte; der Rest der Gruppe hat auf halbem Wseg schlapp gemacht;

- eben um 15 Uhr sind vier Trekkinggeher (zwei aus Bayern, zwei aus NÖ) nach achtstündigem Marsch von der Glungezerhütte bei der Lizumerhütte angelangt;

- immerhin haben sich auch zwei Einheimische in die Lizum "verirrt".

 

In der Lizum würde "Totenstille" herrschen, würde nicht ein Bundesheer-Hubschrauber seit drei Wochen täglich mehrere Stunden lang aus dem alpinen Gelände ringsum verschossene verirrte Munition von den Depots ins Tal herunter transportieren.

Die wenigen Gäste auf der Terrasse der Lizumerhütte schwärmen dennoch vom schönen Bergtag, den schönen Zirbenbeständen und Zirmweg, vom ausgezeichneten "sauren Wurstsalat" und dem kühlen "Weizen", von der super Tour über die "seven TuXer summits" und dem Traumwetter un der einmaligen Aussicht am "Geier".

"De (Glungezer-) Hütt'n isch a Wahnsinn, einfach top, und des Essen, super ist ein Hilfsausdruck", lauten die wörtlichen Kommentare in lukullischer Erinnerung, während die Gäste gerade die leckere Halbpension für abends wählen.

 

Lizum, die reine Idylle, die reine Natur. Ringsum schöne, leichte bis schwierigere Berge, grün bis zu den Gipfeln, nur noch wenige Schneefelder; fette Weideplätze für das Rindvieh, nach allen Richtungen hin markierte und beschilderte Wanderwege zu fünf Jöchern und zahlreichen Gipfeln, in sechs verschiedene Täler, Bäche und Wässer und Hülle und Fülle. Bis 2.100 m hinauf blühen noch die Almrosen, ein bunter Teppich mit herrlichen Alpenpflanzen zieht sich bis gegen 2.300 m hinauf. Alles steht in Pracht und Blüte.

Aber niemand sieht es, bewundert es, staunt darüber.

 

Die Lizum ist tot, warum? Hat vielleicht doch Günther Aloys, selbsternannter Ischgler Tourismus-Visionär, recht, der heute im Bezirksblatt erklärt: "Die Alpen sind ein großer Entertainmentpark, die Menschen brauchen außergewöhnliche Unterhaltung. Wo Tourismus ist, ist keine reine Natur mehr, damit können die wenigsten etwas anfangen. Es müssen gewisse Bereiche erschlossen werden. Die Touristen kann man nicht auf die reine Natur loslassen. Die Natur darf in unserem Business keine Rolle spielen." ....?

 

Ist also vielleicht doch "Natur" allein zu wenig, um Menschen in die Natur zu locken, zum Betrachten und Staunen zu verleiten? Braucht es den Skywalk am "Geier", den auf 40 Grad erhitzten Lizumer Hüttenteich zum Baden (auch im Winter), braucht es mehr "Disneyland-Attraktionen", um Natur "attraktiv"  zu machen? Aloys: "Mit den Alpen muss noch viel mehr passieren, man muss vieles noch besser und extremer und viel Außergewöhnlicheres machen! Alles muss möglich sein, je schräger die Idee und das Angebot, umso besser!"

 

Die Lizum ist tot, liegt es an den nicht vorhandenen extremen "Attraktionen á la Aloys"? Oder einfach daran:

- 1., dass die Zufahrt ins Wattental auf halber Strecke derzeit nur über eine örtliche (für Ortsfremde nicht leicht zu verfolgende) Umfahrung möglich ist?

- 2., dass die Einheimischen im Hinterkopf gespeichert haben, die Zufahrt sei wegen Hangrutschgefahr gesperrt, obwohl die Talstraße inzwischen schon längst wieder bei Grüner Ampel befahrbar ist? Aber wer weiß das schon?

- 3., dass beim Schranken am TÜPl Walchen auch für den Einheimischen endgültig Schluss mit lustig ist, die Weiterfahrt verboten, die Lizum eben "Sperrgebiet" (Betreten verboten") ist?

- 4. Wer weiß schon, dass man innerhalb des TÜPl auf allen ausgewiesenen Wege und Steigen erlaubterweise und gefahrlos Wandern und Bergsteigen kann/darf?

- 5. Wer weiß schon, dass es ins Wattental ab Wattens und Walchen einen täglichen regelmäßigen Pendelbus (Zubringer) gibt, wenn jemandem der Zustieg zu beschwerlich ist?

 

- 6. Wer hat schon in den letzten Monaten irgendeinen touristischen Hinweis gelesen, dass die Lizum ein wunderschönes Bergwandergebiet ist? Mit Almen, die hervorragenden Käse erzeugen? Ein verlassenes, vergessenes Gebiet.

 

- 7. Mountainbiken rund um die Lizum wird vom Bundesheer kategorisch abgelehnt, es gibt keinen Millimeter Zugeständnisse, wie von der Bürgerinitiative (1600 Unterschriften) und vom Alpenverein gefordert.

 

Alle scheinen sich zufrieden zu geben oder  aufgegeben zu haben, dass gelegentlich ein paar Soldaten des Bundesheeres, der deutschen Bundeswehr und der holländischen Armee hier Gefechtsübungen absolvieren; fallweise das gesamte Gebiet rigoros abgesperrt wird, Wanderer zurückgeschickt werden und die Einheimischen schlicht ausgesperrt bleiben.

Vier Tagesgäste und acht Nachtler für die Lizumerhütte, an einem Traumtag in der Hochsaison.

 

Wenn die Lizum nicht systematisch zu Grabe getragen, zum nutz- und wertlosen Ödland und endgültig für den zivilen Bereich für tot erklärt werden soll, kann es nur ein Motto geben: "Es lebe die Lizum! Auf in die Lizum! Nicht Sitzstreik, sondern Begehung"!

Aber wer weiß das schon.

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Kommentare: 1
  • #1

    Jassi (Samstag, 18 Juli 2015 22:12)

    Bin selber a Wattenbergerin! Unser Wattental ist der schönste Fleck Erde den es gibt! Nirgendwo anders geh i lieber wandern als im Wattental!