34*, kühl am Berg

Geierjoch Anstieg ab Lizumerhütte
Geierjoch Anstieg ab Lizumerhütte

Von Hütte zu Hütte pilgern statt hetzen

 

Wer unsere Alpenvereins-Hütten als „Herbergen“ sieht und erfährt, wird sich mit dem Begriff „pilgern“ leichter tun als jene, die von A nach B hetzen und die Hütten nur als notwendige Ess- und Schlafstätten mitnehmen.

In den letzten 3 bis 5 Jahren beobachte ich auf unseren Trekkinghütten: München-Venedig, Adlerweg, Inntaler Höhenweg, Olympiaweg etc., einen sich verstärkenden Trend, möglichst rasch die Route zu absolvieren. Heuer fällt mir das ganz besonders auf: die Bergwanderer unterteilen ihre Trekkingroute nicht in so und so viele Etappen, von denen jede für sich ganz etwas spezielles zu bieten hat oder hätte, an Herausforderungen, Genüssen, Eindrücken. Vielmehr ist das möglichst einfache und schnelle Zurücklegen einer Distanz bis zum nächsten Punkt zum Wesentlichen geworden.

Ein Wandertag hat im Normal- und im besten Fall ca 6 – 8 Std., max. 10 Wanderstunden, selten länger.

Wenn es die Witterung zulässt, kann sich jeder nach seiner Einschätzung und Kondition „Zeit lassen“ und genießen.

Die Alpenvereins-Hütten bieten ja immer die Gewähr für ihre Mitglieder, dass jedes Mitglied aufgenommen wird, sodass auch dieser Druck nach der Suche für eine Unterkunft, mehr oder weniger wegfällt.

Vielfach ist es aber so, dass die Bergwanderer häufig ihr gestecktes oder vorgegebenes Etappenziel entweder unterschätzen, was Distanz, Zeit, Höhenmeter, konditionelle Voraussetzungen betrifft. Sie kommen dann völlig ausgelaugt, gestresst, dehydriert am Etappenziel „Hütte“ an. Oftmals sogar zu müde und zu schwach, um sich überhaupt noch durch eine Verköstigung stärken zu können. Sie fallen einfach ins Lager und können sich so auf längere Sicht gar nicht erholen, „derfangen“. Daher gibt es viele Abbrüche solcher Touren.

 

Die 2. große Gruppe der Bergwanderer, die konditionell gut und stark sind, spult ihre Tagesdistanz in möglichst kurzer Zeit sportlich oder in Rekordzeit ab. Das setzt sich dann auf der Hütte fort:

-       Man betritt mit voller Ausrüstung und Schuhwerk den Gastraum und will sofort einchecken  - das kommt aus der hastigen Reise- und Flugbranche –

-       Lager oder Zimmer beziehen,

-       gleich bezahlen,

-       einen Teil des Abendessens sofort konsumieren

-       Möglichst im gleichen Atemzug auf den nächsten 2 – 3 Hütten reservieren,

-       Wetterauskunft für den nächsten Tag einholen

-       Duschen, Wäsche waschen

-       Handy und Fotoapparat aufladen

-       ehe sie dann vielleicht ihren Rucksack, ihre Last, abladen und die Hüttenpatschen anziehen.

-       Keine Übertreibung, nahezu täglich auf Hütten zu beobachten

Der Angehörige dieser Gruppe nimmt außer sich selbst nichts wahr, kaum etwas wahr, weder Landschaft noch Wetter, weder Hüttenatmosphäre noch Besonderheiten, weder Hüttenteam noch andere Gäste, weder Blumen, Kleintiere noch Gestein, Berge, Gipfel, Gipfelkreuze und Gipfelbücher.

Sie registrieren nicht den Almrosenstrauch am Esstisch, die alten Hüttenansichten auf den Fotos, nicht die Verhaltensregeln auf den Hütten , wie zB Eintragen ins Hüttenbuch, nicht das Typische einer Hütte, weil ja jede anders ist

Nicht die großteils  besonderen Erschwernisse, dass es zB auf einer Hütte überhaupt Wasser gibt, wo doch die Quellen 600 Hm tiefer liegen

Dass es überhaupt eine Auswahl an warmer Mahlzeiten gibt, eine geheizte Stube, einen sauberen Schlafplatz usw.

 

Immer mehr Bergwanderer und Hüttengäste twittern oder facenbooken als erste und wichtigste Tätigkeit auf der Hütte ihr Tagespensum ins Netz, samt GPS-Daten und Fotos,

studieren am Handy oder im Notebook ihre Karten und Routen

manche studieren ihre Etappen auf mitgeführten DIN A4 Kopien von Straßenkarten!

 

Ein anderer Teil dieser  Berg- und Wanderamateure hat weitgehend überhaupt keine Ahnung, woher sie kommen, wo genau sie heute unterwegs waren, wie ihr nächstes Hüttenziel heißt – „es muss da irgendwo unten sein?“ – geschweige, wie die weiteren Etappen genau verlaufen, um sich selber ein bisschen einteilen zu können.

Diese Leute können dir am Abend in der Hütte nicht erklären, wie der Wegverlauf war, wie sie heute überhaupt hierher gefunden haben oder wie sie weitergehen wollen.

Irgendwo haben sie ein weiteres Etappenziel gespeichert, das aber in der Realität oft 2, 3 Tage vorausliegt also in einem Tagesmarsch überhaupt nicht zu machen ist.

Da heißt es dann lapidar „ach, dass schaffen wir schon!“ Von den örtlichem, zeitlichen und Witterungsverhältnissen komplett abgesehen und unbeleckt.

 

All diese Leute sind eigentlich keine „Bergwanderer“ – oder besser formuliert, sie haben die Bedeutung des Begriffs „Wandern“ nicht erfasst oder einfach noch nie kennengelernt. Das gilt auch fürs Trekking und Hüttenwandern. Dabei umschließt der Begriff des „Wanderns“ gerade dieses Zeit lassen, Abschalten, sich etwas fallen lassen, „das sich entschleunigen“ !!

Die wollen einfach nur weiter. Wegen Schlechtwetter, Gewitter oder Schneefall auf einer Hütte abwarten bedeutet nur Zeitverlust. Vielleicht erst wieder in ein, zwei Tagen weiter „gehen“ zu können, ist nicht drin – der Urlaub endet –

Also überspringen wir ein, zwei Etappen mit Taxi, Bus etc. und „steigen erst in den Dolomiten wieder ein“.

Das sind jene, die noch nicht zur Ruhe gefunden haben, noch gestresst sind, genervt, hektisch, gereizt, andere Gäste und den Wirt nerven, für den Hüttenbetrieb, den Ablauf, das Personal, kein Verständnis, keine Geduld und keine Einsicht aufbringen.

Kurz gesagt, die mit dem Begriff Hüttenwandern, Trekking über Gipfel und Grate und Jöcher, nichts anfangen können oder wollen – von „pilgern“ im besten Sinn des Wortes gar nicht zu reden.

 

„Von Hütte zu Hütte pilgern“ lautet meine Empfehlung – aus eigener Erfahrung und laufender Beobachtung.

Lieber weniger, kürzer und langsamer, dafür mehr Zeit gewinnen zum Aufnehmen

Annehmen von Neuem und Unbekannten, zum Beobachten, Verarbeiten und Einwirken lassen des Erlebten.

Wer sich nur über die Kuhfladen am Weg zur Hüttenterrasse ärgert, erfährt nichts vom Kreislauf der Natur, vom Leben abseits der Verstädterung oder abseits der virtuellen Welt.

Wen der rauschende Bach neben dem Hüttenfenster als Lärm stört, mag sich ertappt fühlen, dass er durch das Wumm-Wumm der Disco für andere Töne nicht mehr tauglich oder empfänglich ist.

 

Alpenvereinshütten sind Signalposten in der alpinen Landschaft; nicht nur, dass es hier etwas anders zugeht als  in der Stadt,

·      sondern dass hier jeder anders sein darf, um zu sich zu finden, um wieder zu lernen, das einfachere, das ruhige, das etwas Zeitlosere wieder zu entdecken  - zumindest für sich selbst.

·      und Neues zu entdecken – vielleicht vorübergehend – auch anzunehmen, entspannter zu werden,

·      die Berge wieder als Landschaft zu sehen und zu erfahren

·      als Kraftorte empfinden zulernen.

·       

Auch die Hütten können solche Kraftwerke sein, um wieder aufzutanken, Stress abzulassen, um Kraftvolles näher an sich heranzulassen

Hütten bieten jedem diese Chance, annehmen kann und muss sie jeder für sich selber.

 

Gerald Aichner

http://www.glungezer.at/aichner-gerald

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Kommentare: 2
  • #1

    Peter2, Iris (Donnerstag, 07 August 2014 19:52)

    1. von Peter
    Danke, super Artikel, der nachdenklich stimmt!
    Viele werden sich ertappt fühlen (auch ich) ;-)
    Da die meisten nur ein begrenztes Zeitkontingent haben, ist hier sicher einer der Gründe für die geschilderten Verhaltensweisen zu suchen.
    Also vielleicht wie folgt vorgehen:
    Kürzere, entspannte Touren, dafür lieber mal an passender Stelle den Bus nehmen, um trotzdem am Ziel (Venedig?) anzukommen.

    2. Iris
    ...dass viele Leute von Hütte zu Hütte hetzen habe ich auch festgestellt. Ich habe mir zwischendrin auch Entspannungsetappen gegönnt und z. B. eine Etappe aufgeteilt und mir auf der Maurerberghütte eine Zwischenübernachtung gegönnt. Dort mit nur 4 Leuten als Übernachtungsgäste (wovon 3, auch ich, in einer kleinen urigen einfachen Hütte geschlafen haben) und einen netten entspannten Nachmittag und Abend verbracht haben.
    Es scheint bei vielen Leuten die sportliche Herausforderung wichtiger als das Erlebnis in den Bergen zu sein. So ist vielleicht unsere Zeit, Erfolge zählen mehr als stille Momente...

  • #2

    Harald (Donnerstag, 07 August 2014 19:55)

    3.
    Der Artikel trifft den Nagel auf den Kopf. Allerdings ist es wirklich so, dass man nur eine gewisse Zeit Urlaub hat und halt einfach planen muss. Aber selbst wenn man sich zeitlich etwas beschränken muss, sollte man auf jeden Fall die Regeln in einer Hütte akzeptieren und vor allem respektieren.
    Und mal ehrlich: Was gibt es auf der München-Ven.-Route schöneres, als zB auf der herrlichen Aussichtsbank in der Nähe der Geraer Hütte zu sitzen und die Ruhe zu genießen, oder auf der Kreuzwiesenalm im Gras rumzuliegen und sich auf den Peitlerkofel zu freuen, oder die herrlichen Knödel im Halleranger Haus in sich reinzuschlingen und dann noch einen Kaiserschmarren hinterher zu bestellen, oder im Karwendelhaus den spektakulären nächsten Tag zu planen. Das alles geht auch, wenn man es hin und wieder mal ein bisschen eilig hat.

    4. Harald
    Die Wanderung MV ist eine Genießertour. Die Wanderer sollten wirklich jeden Tag genießen, denn es lohnt sich, jeder Tag hat seinen eigenen Reiz. Lieber einen Tag länger wandern als hetzen. Die MV - Tour kann aber auf keinen Fall verglichen werden mit einer gemütlichen Wallfahrt, ohne Gepäck (z.B. von Bad Staffelstein nach Gößweinstein) Auch die Tage ab Belluno haben ihren Reiz (viel Prosecco) diese schließen erst die komplette Tour MV ab. :-)